pommes und disco.

Ein neues Jahr ist geboren! Es heißt 2012! In diesem Zusammenhang wünsche ich euch allen – verspätet, aber immerhin – ein frohes neues Jahr! Mutlu yıllar!
Ein Jahr ist also zu Ende, ein Neues hat begonnen. Zeit, Dinge hinter sich zu lassen und sich neuen Aufgaben zu stellen. Auch für mich ergeben sich Veränderungen. So ist mein Semester beispielsweise beendet, zumindest was Vorlesungen und Seminare betrifft. Dafür wollen Hausarbeiten geschrieben werden. Ab jetzt heißt es: viel Bibliothek, viel Lesen, viel Schreiben, viel Kaffee!
Das Leben ist also nicht nur Pommes und Disco. Denn anders als es der Titel dieses Beitrags vermuten lässt, möchte ich euch einen kleinen Einblick in das türkische Unileben gewähren. Dazu überlasse ich Cansu das Wort, die den folgenden Artikel auf ihrem Blog verfasst hat. Cansu ist eine deutsche Kommilitonin von mir, also auch eine Erasmus-Studentin. Ihr Artikel beschreibt am Beispiel des Novellistik-Seminars, das wir zusammen besucht haben, wie Sudieren in Istanbul aussehen kann (Betonung auf kann). Ihr Bericht ist humoristisch und kurzweilig geschrieben, wenn auch an einigen Stellen stark überzeichnet. Demnach lasse ich es mir natürlich nicht nehmen, meinen Senf dazuzugeben, erkennbar an den – na klar! – senffarbenen Kommentaren in den eckigen Klammern und einer Fussnote, in der ich den Germanisten raushängen lasse.

das leben ist nicht nur pommes und disco.
das denkt zumindest markus kavka, seines zeichens praedestinierter viva, viva 2 und mtv moderator und beinahe nachnamensvetter franz kafkas. gleich zwei garanten für qualitaet also, man würde meinen, dass mehr von uns auf das hören, was er zu sagen hat… [Nun ja, diese Meinung über Herrn Kavka muss man nicht unbedingt teilen.] doch fangen wir lieber von vorne an.

es gab zeiten, da dachte ich mein leben sei tatsaechlich nur pommes und disco. oh, wie hatte ich mich geirrt in meinem post-jugendlichen leichtsinn, welcher mich beizeiten einnimmt wie die griechen einst meine heimatstadt (an dieser stelle danke ich nochmal sultan mehmed dem zweiten für die rückeroberung istanbuls, ohne ihn waeren wir heut pleite).

die person die mich das gegenteil lehrte nenne ich im laufe meiner erzaehlung herr k.
herr k. ist ein türkischer hochschullehrer an einer nicht allzu üblen türkischen universitaet. er lehrt germanistik, neuere deutsche literatur um das kind beim namen zu nennen, und ist meiner groben einschaetzung zur folge in den fünfzigern. er ist sehr klein und (immerhin) nicht unsympathisch, was allerdings fast schon eine logische konsequenz aus ‚klein‘ ist.
doch widmen wir uns dem problematischen element seines charakters: herr k. kann kein deutsch! [Er kann Deutsch – mit Abstrichen über die man hinwegsehen kann! Abgesehen davon haben Sprachkenntnisse nichts mit dem Charakter bzw. der Persönlichkeit zu tun. Aber lassen wir dies mal außer Acht, um dem humoristischen Unterton des Artikel nicht entgegenzuwirken.] wenn man seine brötchen als deutsch-professor verdient, ist das natürlich eher suboptimal… ich wage diese tatsache sogar als die grösste tragödie [Zum Begriff der Tragödie später mehr!] seines und meines lebens zu betiteln.

donnerstag, 10 uhr in der früh, şişli / istanbul. mein wecker klingelt. nunja, meine drei wecker klingeln, um es genau zu nehmen. nach einem ausgiebigen kampf mit meinem inneren schweinehund (entschuldigt den kraftausdruck, schande über den, der ihn als sprichwort etablierte) beschliesse ich, ein vernunftgesteuertes wesen zu sein und mich zur uni zu begeben. ich beschliesse in der strassenbahn in dem reader herr k.s zu lesen und verbringe die gesamte fahrt mit dem essen diverser türkischer gebaeck spezialitaeten vom billigbacker an der haltestelle.

donnerstag, 11:45 uhr, laleli / istanbul. der unterricht beginnt.

donnerstag, 12:05 uhr, laleli / istanbul. ich betrete den raum in der hoffnung so viel wie möglich verpasst zu haben. herr k. laechelt mir kurz zu, ich setze mich in die reihe der deutschen erasmus studenten, von denen sich jeder seinem smartphone widmet um zu chatten oder witzige videos bei facebook zu teilen [Ich besitze kein Smartphone und konnte diesen Tätigkeiten somit nicht nachgehen. Zu meiner Schande muss ich jedoch gestehen, dass auch ich einmal meine SMS-Flatrate während des Seminars missbraucht habe.], waehrend herr k. die tragische1 [Um den Textfluss nicht weiter unnötig zu stören, wird dieser Kommentar in der Fussnote detailierter ausgeführt. Germanisten aufgepasst!] geschichte eines mannes zusammenfast, der “sein liebstes“ opferte, um “etwas allerbestes“ zu gewinnen. ein paar  türkische studenten munkeln (natürlich auf türkisch) was ein ‘allerbestes’ sein könnte, doch naehere informationen kriegen sie nicht. stattdessen wird die anzahl der maennlichen protagonisten erlauetert:

“wir haben auch herren, aber wenn auch in der unterzahl ist…“
-pause, vermutlich zum steigern der spannung
-…
“..in der minderheit…“
-noch eine pause, die spannung steigt exponentiell
-…..
-…..
-satz ende!!

vorsichtig krame ich mein handy aus der tasche, wohlwissend dass die naechsten drei stunden für meine nerven mal wieder eine grosse zerreisprobe darstellen werden. herrn k. scheint die allgegenwaertige verwirrtheit der deutschen muttersprachler kein bisschen zu stören. unbeirrt führt er seinen unterricht mit einer power point praesentation über einen italienischen literaten fort.

folie eins schaut folgendermassen aus:

boccaccio:
der eigentliche novellist italiens.

boccaccios novelle:
muster der gattung, der eigentliche beginn der novelle.

ich beginne mit den anderen erasmus studenten eine diskussion per sms (lang lebe die flatrate [Eigentlich ist es nur eine Quasi-Flatrate. Es handelt sich in der Regel um 1000 SMS.]) über die wahrscheinlichkeit, dass herr k. sowohl seinen professor-, als auch seinen doktortitel auf dem schwarzmarkt erworben hat. oder ob er doch einfach nur der bruder des hochschulrektors oder vielleicht gar cousin des ministerpraesidenten ist und durch beziehungen an die titel gelang. zwischendurch werden wir kurz aus der lebhaften diskussion gerissen, weil herr k. uns “nach unseren eigenen einstellungen“ fragt. wir schenken ihm ein freundliches laecheln, das ihm als antwort genügt.
nach drei qualvollen stunden, in denen wir, als die deutsche sprache liebende und achtende germanistik stuendenten, zeugen eines grob fahrlaessigen missbrauchs der deutschen sprache sind, erlauetert herr k. noch schnell, dass die protagonisten “jetzt ahnen, was auf ihnen zu kommt“ und zieht sein resümee: “die pointe der geschichte ist der gegessene falke“. [Und, bei wem ist der Groschen jetzt gefallen? Es handelt sich natürlich um Boccaccios Falkennovelle!]

anmerkung: gott sei dank, stellt herr k. eine ausnahme unter den germanistik professoren dar. waeren alle wie er, waer ich vermutlich schon exmatrikuliert. [Sooo schlimm wars nun auch wieder nicht!]


1Tragisch ist nach Aristoteles ein Ereignis, das zugleich Mitleid (gr. eleos) und Furcht (gr. phobos) erweckt; Mitleid mit dem Betroffenen und Furcht um uns selbst. In der Literatur bezeichnet das Wort tragisch“ allgemein die Tragik und speziell die Form Tragödie, die wiederum eine Form des Dramas darstellt und neben der Komödie die bedeutsamste Vertreterin dieser Gattung ist. Der Grundthese Bernhard Bruchs folgend, dass der Novelle niemals tragische oder dramatische Anteile zugerechnet werden dürften, kann demnach bei der Falkennovelle mitnichten von einer „tragische[n] geschichte“ gesprochen werden, wie es uns die Verfasserin glauben machen möchte. „Der Novelle […] ist der Bereich des Tragischen grundsätzlich verschlossen.“ [Bruch, Bernhard: Novelle und Tragödie: Zwei Kunstformen und Weltanschauungen (Ein Problem der Geistesgeschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts). In: Zf. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft, Bd. 22, Stuttgart 1928, S. 292-330, hier S. 329.] Bruch kontrastiert Novelle und Tragödie als einander diametral entgegengesetzte Kunstformen. Festzuhalten bleibt also, dass die Geschichte – nennen wir es „erschütternd“, keinesfalls jedoch „tragisch“ ist. ;)

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